Biel 2016 – Die Mutter aller Ultraläufe

Ein sehr schöner Bericht vom Ultralauf Ersttäter Peter Schlieder:

Als ich vor etwa 8 Jahren aufhöre, leistungssportlich aktiv zu sein, begann ich mit dem Laufen. Zu Fuss lange Strecken zu bewältigen, faszinierte mich schon immer und so war es bereits in meiner Jugend ein Traum, einmal einen Marathon zu absolvieren. Organisiert laufe ich allerdings erst ungefähr 2 Jahre. Das bedeutet, dass ich regelmäßig an Wettkämpfen teilnehme  – und gern und viel trainiere, sehr viel.

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Eine Sinnkrise im Jahr 2015 bringt mich, zunächst literarisch, auf das Ultralaufen. Mir fällt das Buch von Rafael Fuchsgruber „Running Wild“ und kurze Zeit später die Ultralauffibel „Das große Buch vom ULTRAMARATHON“ von Hubert Beck in die Hände. Beide Bücher verschlinge ich, wie ich noch nie ein Buch verschlungen habe, und ich weiß schon beim Lesen, dass ich gerade etwas erschließe, was solch eine Faszination auslöst, dass ich die beschriebenen Gefühle und Empfindungen der Läufer in diesen Büchern ebenfalls erleben möchte.

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Schnell steht fest: Ich will versuchen einen Wettkampf über die lange Distanz zu absolvieren und finishen. Bis dahin war ich noch nicht einmal Marathon gelaufen und nahm mir bereits vor, einen Ultralauf zu absolvieren. Und da ich in meinem Leben immer alles auf eine Karte setze, fällt meine erste Wahl auf die „Mutter“ unter den Ultraläufen, dem 100 km Lauf in Biel. Was für mich nahezu unwichtig erscheint, sich später allerdings doch als echte Hürde herausstellt: dieser Lauf startet um 22.00 Uhr am Abend und geht damit durch die Nacht. Also, die lange Nacht von Biel.

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Angemeldet bin ich schnell und der Trainingsstart lässt natürlich auch nicht lange auf sich warten. Zu der Zeit bin ich beruflich für einige Zeit in München und nach der Arbeit in meinem Hotelzimmer sehr einsam. Also ziehe ich die Laufschuhe an und laufe durch die nasskalte Münchner Nacht. Von der richtigen Ausrüstung für solche Unterfangen bin ich damals natürlich noch sehr weit entfernt und unwissend wie ein Kind. Das hat zur Folge, dass mein Körper nach einigen Trainingstagen überseht ist mit Blasen und wunden Stellen und ich kaum noch zur Arbeit komme vor Schmerzen. Doch bereits zu diesem Zeitpunkt hatte sich ein Bild in meinem Kopf eingebrannt – ein Foto von der Zielüberquerung in Biel. Dieses Bild wird mich die nächsten Wochen und Monate nicht mehr loslassen. Ich träume davon und habe es in jedem Training vor Augen. Es zieht mich magisch an. In den folgenden Tagen lese ich viel über das Ultralaufen, das Training, Equipment, Ernährung und alles was dazu gehört, erfahre aber sehr schnell, dass die beste Erfahrung die ist, die du selbst sammelst. Also mache ich in den folgenden Monaten alle Fehler, die Laufanfänger machen können und bezahle sie schmerzlich.

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Am 09.06.2016 breche ich tatsächlich zu meinem ersten großen Lauf Trip auf. Mit dem Zug geht es vom Leipziger Hauptbahnhof in die Schweiz. Schon die Fahrt überwältigt mich. Tatsächlich fahre ich für einen 100 KM Lauf nach Biel. Dort angekommen, „checke“ ich erst einmal in der Läuferunterkunft ein: Eine alte Schweizer Bunkeranlage. Nass, kalt und unter Tage liegt mein Schlafplatz für die nächsten zwei Tage.

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Der Tag vor dem Rennen startet früh, alle Läufer sind unruhig und an Schlaf ist schon sehr zeitig nicht mehr zu denken. Start in meine erste „Nacht der Nächte“ ist 22.00 Uhr. Das heißt es steht mir noch ein langer Tag bevor. Die Zeit nutze ich um mir das kleine hübsche Städtchen Biel anzuschauen. Biel ist an diesem Tag mit sonnigem Wetter gesegnet (das wird sich im Verlauf dieses Berichtes ändern) und klein genug, um an jeder Ecke teilnehmende Läufer zu sehen. Alle bewegen sich entweder extrem langsam oder aber liegen in Parks oder auf Bänken und schlafen vor. Natürlich esse ich regelmäßig und viel, um die Speicher aufzufüllen.

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Gegen 21.00 Uhr bewege ich mich zur Start-/Zielzone. Die Spannung steigt und so richtig wird mir erst hier bewusst, was ich vorhabe! Die Freude ist jedoch uneingeschränkt groß. Es ist spannend, die Läufer mit ihren Ausrüstungen und Eigenheiten in der Vorbereitung zu beobachten.

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Der Startschuss fällt pünktlich. Ich habe mich ganz hinten angestellt, um den psychologischen Vorteil zu nutzen: eher zu überholen als überholt zu werden. Immerhin sind unter den Startern viele Staffelläufer, Marathonis und Halbmarathonis. Es geht durch das mittlerweile dunkel gewordene Biel. Die Straßen sind hell erleuchtet und man hat den Eindruck, dass die komplette Stadt an der Strecke steht oder sich auf den Balkonen versammelt, um jedem einzelnen Läufer viel Glück zu wünschen und anzufeuern. Schöne Momente! Aus dem Örtchen Biel heraus führt uns ein erster recht knackiger Anstieg, den viele Läufer gehend bewältigen – auch ich muss einige Meter gehen, da mein Puls in die Höhe steigt. Nach dem Anstieg geht es dann in die absolute Dunkelheit.

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Unbeleuchtete Landstraßen und Feldwege sind für die nächsten langen Stunden unser Laufterrain. Wir laufen gerade die ersten Meter in der Finsternis, da setzt auch schon ein sehr unangenehmer Wind ein und kurze Zeit später kommt starker Regen. Kälte schon so früh im Rennen, ist kein guter Begleiter und ich lerne wie wichtig, die richtige Bekleidung ist. In dieser Nacht habe ich die Falsche dabei…

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Ich für mich habe ich die Strecke in 5 Abschnitte geteilt und mir die jeweiligen Verpflegungspunkte als Teilziele gesetzt. Das erste kleine Ziel ist bei KM 18 in Aarberg. Wir laufen in ein Dorf, in dem noch gegen Mitternacht und trotz Regen die Menschen an der Strecke stehen und uns zu jubeln –  beeindruckend. Alle Verpflegungsstände sind sehr gut ausgestattet, neben den Klassikern (Iso, Cola, Brot, Obst) gibt’s Kuchen, warme Boillon (gut gegen die Kälte) Energieriegel und Gels. Alle Mitarbeiter sowie die Streckenposten sind überaus freundlich und zuvorkommend. Ich fühle mich sehr gut betreut, was mit steigender Kilometerzahl und mentaler Belastung ein wichtiger Punkt ist.

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Mein nächster eigener Checkpoint ist bei KM 38 Oberamsern. Wir sind mitten in der Nacht angekommen und durchqueren jetzt nur noch kleine schlafende Dörfer, aber vor allem kilometerlange unbeleuchtete Strecken und Wald. Auch das Läuferfeld hat sich jetzt auseinandergezogen, sodass ich viel alleine unterwegs bin. Mir ist an diesem Punkt bewusst, dass das Rennen jetzt so richtig losgeht. Von KM 38 bis zum nächsten Teilziel bei KM 55 befindet sich einer der härtesten Abschnitte für mich. Die lange Dunkelheit, sowie die ansteigende Müdigkeit machen mir zu schaffen. Ich halluziniere und mein Körper schmerzt.

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Am nächsten Teilziel in Kirchberg angekommen, weicht die Dunkelheit und es kommt, wenn auch sehr langsam, das erste Tageslicht, was mir sehr viel Energie zurückbringt. Am größten Verpflegungspunkt nach 55 gelaufenen Kilometern, führe ich mir ausreichend Energie zu. Die ersten Läufer machen hier eine Pause und legen sich für einige Minuten schlafen. Ich will weiter, da mein Körper wieder Energie und Lust hat zu laufen. Zuvor muss ich aber noch die Regionen zwischen meinen Beinen mit Vaseline einschmieren, was augenscheinlich für die anwesenden Zuschauer etwas befremdlich wirkt (was ihren Blicken zu entnehmen ist). Mir ist das an dem Punkt ziemlich egal, weil ich schon die letzten 10 KM merke, wie ich mich allmählich wund lief.

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Im nächsten Abschnitt der Strecke laufen wir auf einem berüchtigten Teil. Viele Laufberichte beschreiben den sogenannten HO-CHI-Ming Pfad als brutalsten Teil der Strecke. Einen 10 km langen Abschnitt der phasenweise nur einen Singletrail (also absolute Einspurigkeit) und schlechte Laufbedingung bereithält. An diesem Tag kommt dazu, dass die Strecke aufgrund des vielen Regens absolut aufgeweicht und damit schlammig ohne Ende ist. Dennoch komme ich relativ gut durch und genieße den Lauf in dieser urigen Natur.

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Mein nächstes Ziel das kleine Dorf Bibern bei Kilometer 78. Das brennen zwischen meinen Beinen wird mit jedem Kilometer stärker und an dieser Stelle ist der Körper im Grunde völlig erschöpft. Dies signalisiert er mir durch Schmerzen an vielen Stellen. Aber der Geist kennt nur einen Gedanken: Weiter, immer weiter!

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Kurz vor dem Verpflegungspunkt in Bibern lässt der Regen erstmals nach und es kommt sogar für wenige Minuten die Sonne heraus. Das hilft ungemein. Als ich auf das Dorf zu laufe und meinen Blick irgendwann von der Straße hebe, entdecke ich direkt hinter dem kleinen Dorf einen extrem steilen Anstieg an dem sich Läufer hoch quälen. Dies stellt einen kritischen Moment dar. „Nach 80 gelaufenen Kilometern schicken die uns jetzt diesen Berg hoch – das ist Unfair!“ Denke ich mir – oder vielleicht schreie ich es auch heraus… Natürlich studiert man bereits Wochen vorher das Profil der Strecke, aber in solch einem Zustand verdrängt und vergisst der Geist vieles, sodass ich von der Steilheit des Anstiegs absolut überrascht werde. Nachdem ich literweise Cola, Energiegel und diverses in mich reingekippt habe, nehme ich die steile Wand in Angriff. Sie ist widererwartend schnell erklommen und nun geht es lange bergab. Auf diesem Teil der Strecke, nehme ich sehr viele völlig erschöpfte oder teilweise in Trance gelaufene Läufer wahr. Ich sehe faszinierende Zustände und blicke in schmerzerfüllte Gesichter, die nur noch einen Gedanken haben: Durchhalten!

[dt_sc_clear]PeterSchlieder

Im Vorfeld hatte ich das Glück, mich mit einem der erfahrensten Ultraläufer Rafael Fuchsgruber über Biel austauschen. Selber ist er diesen Lauf noch nicht gelaufen, kannte aber dennoch die Strecke recht gut, da er seine Frau vor einigen Jahren begleitet hat. Er meinte: „wenn Du runter an den Fluss kommst, hast Du es im Grunde geschafft, dann sind es noch 18 KM und dies ist der schönste Teil der Strecke.“ Dies habe ich im Kopf und laufe freudig darauf zu. Als ich den Fluss erreiche kommt es wiederrum zu einem extremen Wetterumbruch. Starker Wind und extrem viel Regen machten den „schönsten Teil der Strecke“ zu einer unheimlichen Qual. Meine wundgelaufenen Beine brennen wie Feuer. Ein Schmerz wie ich ihn noch nicht erlebt hatte. Aber natürlich bricht man jetzt nicht mehr ab.

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Ein absolutes Highlight ist das 99 KM Schild! Es ist quasi geschafft, ich weine schon auf der Strecke vor Freude und bedanke mich bei allen Streckenposten an denen ich noch vorbeilaufe. In Biel angekommen regnet es in Strömen. Niemand ist an der Strecke, einzig den Moderator hört man schon aus der Ferne! Was für ein tolles Gefühl, als er meinen Namen aufruft und mir zum finishen gratuliert. Die letzten Meter sind pure Freude! Ich falle dem jungen Mädchen um den Hals, die mir die Medaille übergibt (Das wird sie nicht so gefreut haben – so durchnässt und schwitzend wie ich bin).

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Ich kämpfe mich die 10 Meter ins Finisherzelt, wo ich wiederum freundlich empfangen werde – ein wunderbares Bild, all die glücklichen Läufer zu sehen! Mich empfängt eine ältere Dame, die mich für die nächsten Minuten betreuen soll. Auch ihr Falle ich zunächst um den Hals und weine bitterlich. Warum, weiß ich in dem Moment nicht so richtig, aber es will raus! Als ich mich etwas beruhigt habe, fragt sie mich, was ich denn trinken und essen möchte. Die Kraft reicht noch für zwei Worte: „BIER, BITTE!“ Sie schaut mich traurig an und meint, aufgrund des Regens wäre der Lieferant nicht gekommen, welcher das Finisherzelt mit Bier versorgen sollte. Ich weine wieder und tröste mich mit Cola und belegten Broten. Als ich nach mehr als 13 Stunden endlich sitze, habe ich nur noch zwei Gedanken. Der erste ist: „Wahnsinn! Tolles Erlebnis, dass musst Du unbedingt wieder machen!“ Und der zweite Gedanke ist: „Wie willst Du es schaffen, jemals wieder von diesem Stuhl aufzustehen?!“

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Unterm Strich – die „Nacht von Biel“ war eine unfassbar schöne und bereichernde Erfahrung, die mich schon ein wenig süchtig auf das Ultralaufen gemacht hat und die ich nur jedem, der körperlich in der Lage ist, viel trainieren möchte, gern an seine eigenen Grenzen kommt und diese gewillt ist zu überschreiten, empfehlen.

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Peter Schlieder

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